„Mobbing kann jeden treffen“ – ein Gespräch mit einer Schulsozialpädagogin

 
Veronika Aschberger ist Diplom-Sozialpädagogin und im Bereich Jugendsozialarbeit und Offene Ganztagsschule an einer Mittelschule im Landkreis München tätig. Wir haben mit ihr über das Thema Mobbing an Schulen gesprochen.

Frau Aschberger, Sie arbeiten als Sozialpädagogin an einer Mittelschule. Hatten Sie schon mit Fällen von Mobbing zu tun?

Ja, wir hatten schon häufig Fälle von Mobbing. Auch wenn es nicht immer einfach ist, etwas als Mobbing zu benennen: Nicht jeder Streit, jede Ausgrenzung oder auch körperliche Gewalt ist gleich Mobbing. Um das herauszufinden, sind viele Gespräche und eine gute Beobachtung hilfreich.

Mobbing an sich ist ja kein neues Phänomen. Cybermobbing hingegen schon: Inwieweit findet Mobbing heute auch im Internet statt?

Trotz aller Warnungen: Viele Schülerinnen und Schüler haben sich bei Facebook, SchülerVZ oder anderen sozialen Netzwerken angemeldet. Und wenn ein Mitschüler nicht gemocht wird, werden über diese Netzwerke Beleidigungen ausgesprochen. Das schaukelt sich dann recht schnell hoch – je weniger die Person in der Klasse integriert ist, um so schneller. Das kann auch so weit gehen, dass konkrete Drohungen ausgesprochen werden: jemanden zu verprügeln oder ihm nach der Schule aufzulauern.

An wen kann man sich bei Fällen von Cybermobbing wenden?

Die Schülerin oder der Schüler kann sich an jede Vertrauensperson wenden. Das kann der Klassenlehrer sein, der Vertrauenslehrer der Schule, natürlich auch die Eltern, die Sozialarbeiter, aber auch die Jugendbeamten der Polizei. Oft bieten auch die sozialen Netzwerke selbst die Möglichkeit, Mobber zu melden.

Inwieweit können Lehrer und Eltern gerade beim Thema Cybermobbing überhaupt mitreden? Schließlich sind die sozialen Netzwerke doch in den wenigsten Fällen Bestandteil der Lebenswirklichkeit der Erwachsenen?

Das mag sein. Aber Lehrer werden immer mehr für das Thema sensibilisiert, etwa durch Fortbildungen und Vorträge. Und auch für Eltern gibt es jede Menge Informationsmöglichkeiten: bei Lehrern, Sozialarbeitern oder den Beratungsstellen – übrigens auch im Internet. Aber egal, woher die Hilfe kommt: es ist wichtig, das Thema nicht totzuschweigen und sich Hilfe zu holen. Leider muss ich aber schon sagen, dass viele Eltern das Thema Mobbing unterschätzen oder sich schlichtweg nicht dafür interessieren.

Wie kann einem Mobbingopfer konkret geholfen werden?

Ein erster Schritt ist, dem „Mobbingopfer“ keine Rolle zuzuschreiben. Deshalb nennen wir es nicht „Opfer“, sondern „gemobbte Person“ oder „von Mobbing Betroffener“. Das mag kleinlich klingen, aber als „Opfer“ fühlt man sich auch als Verlierer – als das, zu dem einen die Mobber machen wollen. Das ist eine wichtige Erkenntnis: Du wirst nicht gemobbt, weil Du so oder so bist, sondern Mobbing kann jeden treffen. Die gemobbte Person muss als erstes lernen, dass sie nicht die Schuld für die entstandene Situation trägt.

Wenn dann gegen Mobbing vorgegangen werden soll, muss in einem Gespräch mit der gemobbten Person der Umfang des Mobbings herausgefunden werden. So lassen sich recht schnell auch die „Täter“ und „Zuschauer“ identifizieren. Wenn die gemobbte Person ihre Zustimmung gibt, wird das Thema auch in der Klasse besprochen. Bei diesem Gespräch müssen alle Schülerinnen und Schüler, der Klassenlehrer sowie die Jugendsozialarbeiter der Schule dabei sein. In jedem Fall ist ein offensiver Umgang mit dem Problem hilfreich.

Natürlich gibt es eine Vielzahl von Möglichkeiten, Mobbing zu begegnen und nicht immer ist es sinnvoll, die gesamte Klasse mit einzubeziehen. Ein anderer – sehr erfolgreicher – Ansatz etwa ist der „No Blame Approach“. Bei dieser Methode geht es darum, „Täter“ und „Zuschauer“ zu Unterstützern der gemobbten Person werden zu lassen. Wichtig ist dabei, keine Schuldzuweisungen auszusprechen, sondern die Stärken der Einzelnen zu nutzen, um der gemobbten Person zu helfen. Dabei kann jeder etwas tun, ob das Hilfe in der Schule ist oder einfach, die gemobbte Person wieder zu grüßen – auch diese ganz kleinen Dinge sind für eine gemobbte Person extrem wichtig. Hintergrund für dieses Vorgehen ist der Gedanke, dass sich keiner der an Mobbing beteiligten Personen in seiner Situation wohl fühlt. Mit dem „No Blame Approach“ kann das in Gesprächen ziemlich gut aufgelöst werden, ohne dass die „Täter“ für ihr Verhalten bestraft werden. Denn eine Bestrafung würde sie nur in ihrer Erwartung bestätigen und aus Frust darüber würden sie vielleicht wieder zu Mobbern werden.

Gibt es auf Schülerseite auch ein Bewusstsein über die Folgen von Mobbing?

Das kommt sehr auf die Persönlichkeit der einzelnen Schülerinnen und Schüler an. Dabei spielen das Alter, das soziale Umfeld und das Elternhaus eine Rolle. Mir ist in den verschiedenen Gesprächen jedoch aufgefallen, dass die Schüler gute Ideen haben, wenn man mit ihnen über das Thema spricht und sie dabei auch fast von allein auf die möglichen Konsequenzen kommen. Da gibt es durchaus ein Bewusstsein. Andererseits machen sich die Wenigsten Gedanken über z.B. Persönlichkeitsrechte, wenn sie Fotos hochladen, ohne dass der Abgebildete davon weiß.

Kann man präventiv etwas gegen Mobbing tun?

Das kann ich pauschal nicht beantworten. Hilfreich ist es sicher, mit Hilfe diverser Klassenprojekte das Gemeinschaftsgefühl und die Sozialkompetenz zu stärken. Und: das Selbstbewusstsein des Einzelnen muss stark gemacht werden – auch das ist eine gute Prävention. Doch trotz aller Maßnahmen wird es wohl immer wieder zu Vorfällen von Mobbing kommen, auch in der Welt der Erwachsenen.

Haben Sie einen Rat für gemobbte Personen?

Nicht die Schuld bei sich suchen, offensiv damit umgehen und sich zügig an eine Vertrauensperson wenden – um so schneller hat das Mobben ein Ende.

Frau Aschberger, vielen Dank für dieses Gespräch.